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Bergischer Geschichtsverein Abteilung Burscheid e.V.

 

Die Rätsel und Kopfzerbrecher

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Unter den Fragen, die an uns gerichtet werden – oder die uns des Nachts selbst in den Kopf springen – da sind bisweilen rechte Kopfzerbrecher: Fragen, zu denen wir bereits in diverse Richtungen recherchiert haben und trotzdem viel zu wenig gefunden haben. Die nun aber unseren sportlichen Ehrgeiz anstacheln. Diese Rätsel veröffentlichen wir auf dieser Rätsel-Seite. Und hoffen auf zusätzliche Tipps von Ihnen: Mehr Augen sehen bekanntlich mehr als wenige!

Das große aktuelle Rätsel um ein „Burscheider Heimatlied“

Vor einigen Wochen wurden wir aus Wuppertal nach einem speziellen Bergischen Heimatlied gefragt. Ja klar, war der erste Gedanke, das singen wir doch seit mehr als hundert Jahren hier. Jedes Schulkind kennt ein paar Strophen. Genauer: Ein paar Strophen kennen die Schulkinder von vor fünfzig Jahren, heute sind’s nicht mehr ganz so viele. Nein, um diesen damaligen Gassenhauer aus Solingen (!), um den ging es hier aber gar nicht, wenn auch der zeitliche Zusammenhang und sogar der damalige „Stifter“ derselbe war.

Es geht um diesen Text des wohl damaligen Burscheiders G. Lindenberg, zu dem uns leider auch noch die vom Dichter selbst gesetzten Noten fehlen. Ich zitiere aus der Anfrage: „Es ist das ‚Bergische Heimatlied‘, das 1892 auf Anregung des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Berthold Nasse, entstanden ist. Bei dem Besuch des Oberpräsidenten im Frühjahr 1893 in Burscheid überreichte ihm G. Lindenberg das von ihm verfasste und vertonte Gedicht ‚Das Bergische Land‘. Der Tägliche Anzeiger für Berg und Mark veröffentlichte den Text am 7. Mai 1893.“, zur Vergrößerung auf den Auszug oder hier klicken.

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Tatsächlich konnten selbst die Vereins-Ältesten, teils auch solche mit längerer Chor-Erfahrung, mit diesem „Burscheider“ Heimatlied überhaupt nichts anfangen, auch nicht mit dem Dichter und Komponisten G. Lindenberg. Diese Familie ist heute in Burscheid auch nicht mehr anzutreffen; zumindest habe ich dazu nichts gefunden. Meine Anfrage bei der altehrwürdigen „Musicalischen Academie von 1812“ endete ebenfalls in einer Sackgasse. Auch bei den mehr auf Gesang fokussierten Vereinen, z.B. den Dürscheider Sängerfreunden bzw. der Burscheider Chorgemeinschaft gab es keine Informationen.

Wenn man versucht, dieser Schöpfung über den Inhalt näher zu kommen:
Verblüffend ist zunächst die zum Solinger Heimatlied sehr parallele Entstehungsgeschichte. Berthold Nasse hat bei damals wohl strategisch geplanten Besuchen in der Rheinprovinz (sogar im kleinen Burscheid!) solche Dichtungen en Gros bestellt. Am Solinger Exemplar hat er mit der „Kaiserstrophe“ dann sogar noch nachgearbeitet, um eine besonders wehrhafte, wenn nicht kampfbereite Botschaft hinein zu redigieren. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese Form der Kulturpolitik auch mit der Absicht erklärt, eine einheitliche preußische Herrschaft weiter zu festigen und allen anti-borussischen Strömungen und etwaigen aus dem Vormärz genährten bürgerrechtlichen Bestrebungen vorzubeugen. Bauen konnte er damals wohl auf die zunehmend national und wirtschaftlich selbstbewusste Stimmung der Gründerjahre. Und im Bergischen war wegen der weitgehenden Übereinstimmung im evangelischen Bekenntnis und wegen der rechtsrheinisch geringeren West-Orientierung das Gefühl wohl etwas weniger vertreten, „Musspreußen“ bzw. „Beutepreußen“ zu sein.

Zum Burscheider Lied im Einzelnen:
Es wirkt ein wenig wie aus dem Stabil-Baukasten gefertigt. Es ist handwerklich sauber gedichtet, die Reime und die Metrik stimmen m.E. Ein wenig daneben geht vielleicht die 6. Zeile der zweiten Strophe („In den Herzen Tugend walt’t“: hört sich im gesungenen Vortrag ggf. so an, als würde „Tugend wallen“). Der Dichter könnte mittleren Alters gewesen sein, von zumindest gehobener Bildung (wenn nicht Lehrer oder Akademiker), vermutlich nicht selbstständig tätig, eher gehobener Angestellter oder Beamter. Es fällt ein wenig auf, dass bei den thematisch fokussierten Strophen 2-5 (Lieder / Freiheit / Liebe / Glauben) die Arbeit bzw. lokale Wirtschaft fehlen. Die konkurrierenden Lieder lassen ja zumindest einen Hammer ertönen. Auch gibt es keinen direkten lokalen Bezug zur Burscheider Gegend; etwa das Eifgental hätte für einen örtlichen Dichter doch nahe gelegen. Tatsächlich treten nur die eher symbolhaften Bezüge zu Rhein und Ruhr (Strophe 1) und zum Altenberger Dom hervor (Strophe 5; dazu hatte es ja auch die umgreifenden Initiativen der Brüder von Zuccalmaglio zum Besuch des preußischen Königs gegeben). Ich nehme an: Der Dichter zielte mit einer gewissen Systemintelligenz auf ein „abstraktes“ Heimatlied, auf eines, das in weiteren Teilen des Bergischen Landes hätte Fuß fassen können. Ein wenig ist es ein „Heimatlied ohne Heimat“. Etwas gegensätzlich wirkt auf mich die mittlere Strophe, wenn sie einerseits „der Väter Schild“ zitiert, damit die traditionelle Herrschaft, das Ancien Régime, andererseits „Recht und Freiheit“ hervorhebt, damit eher aufklärerische Ideale. Es mag sein, dass der Oberpräsident der Rheinprovinz dieses Arbeitsergebnis dann als nicht wirklich passend für seinen Plan empfunden hat, einen patriotischen Gassenhauer anzustoßen, dass darum die zeitgleiche Solinger Version in der Folge stärker protegiert wurde und sich überörtlich durchgesetzt hat.

Aber das sind zunächst nur Assoziationen ohne irgendein Wissen um die Person des Autors. Ganz interessant ist noch eine Internetseite mit weiteren Solinger Heimatliedern (http://www.solingen-internet.de/si-hgw/heimatlied.htm) und die einzige Internetstelle mit Anklang an die erste Gedichtzeile = https://bgv-remscheid.de/wordpress/wp-content/uploads/2019/08/1952_5_Die_Heimat_spricht_zu_Dir-Jg_64_Nr176_Aug_2-3_1952.pdf (Bericht über eine Rundfahrt d. BGV Remscheid i.J. 1952 mit der Überschrtift „Von Sieg und Ruhr umschlungen“); leider steht im dort wiedergegebenen Artikel selbst aber nichts, was auf das Gedicht hinweisen würde. Möglicherweise leiteten sich der Titel und die erste Zeile des Liedes aus einer gemeinsamen, hier (noch) nicht bekannten Quelle ab.

Es ist doch recht spannend: Mitte des 19. Jahrhunderts waren Burschenschaften, Turn-, Gesang- und Geschichtsvereine wohl vielfach Horte des heimlichen Aufbegehrens gegen die Kräfte der Restauration und wirkten dabei mittelbar auch zugunsten der Kräfte der Bürgerbefreiung nach der französischen Revolution bzw. zugunsten der fortschrittlichen Effekte der Franzosenzeit. Gleichzeitig förderten sie aber zunehmend nationalen Stolz und Drill, am Ende sicher auch militaristisches Denken und sie bereiteten gewollt oder ungewollt die danach kommenden Weltkriege vor.

Viel wissen wir noch immer nicht über G. Lindenberg: Herr Spitzer, Autor unseres Buches über die ersten Burscheider Hausnummern, hat in seinen Archiven nur wenige und nicht eindeutige Daten gefunden:

„Der einzige Namensträger ist ein Gustav Lindenberg * 7.8.1843, der bis 1910 in den Geburtsregistern verzeichnet ist. Dieser hat aber nicht in Burscheid geheiratet und ist nicht in Burscheid verstorben. Er taucht bei einer Heirat 15.8.1885 als Lehrer und Zeuge auf. Auf der zweiten Seite der Heiratsurkunde wird er mit 27-jährig angegeben, (* um 1858), was dann aber nicht der Geburtsurkunde 1843 entspricht.“

Zumindest „Lehrer“ könnte nach dem Interpretations-Ansatz oben vielleicht so falsch nicht sein.

Tja – bringt das Lied bei Ihnen etwas zum Klingen? Kennen Sie diesen Herrn Lindenberg? Haben Sie ggf. ein Bild? Oder die Noten? Dann eine Mail an info@bgv-burscheid.de, diese bitte einleiten mit „Rätsel Lindenberg“. Wir schaffen das 😉 Und am Ende machen wir noch einen Liederabend daraus!

Den Text des Liedes in htm-Format sowie weitere Texte und Informationen zu ähnlichen Bergischen Heimatliedern können Sie ergänzend hier finden.

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