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Bergischer Geschichtsverein Abteilung Burscheid e.V.

 

1814: Ein Reisepass nach Maynz

Das ist schon eine neue Zeit – oder doch nicht? Am 10. März 1814 fertigt der „Polizey-Vogt“ des Kanton Opladen für einen gewissen Heinrich Erff, „Ackerwirth“ zu Dierath und gebürtig von Oberbüscherhof, einen Reisepass nach „Maynz“ aus. Wie heute werden biometrische Daten erfasst, etwa die Größe von „fünf Schuh und zwey Zoll“, die Farbe und Form von Haar, Augenbrauen, Stirn, Augen, Nase, Bart und Kinn. Auch besondere Zeichen bleiben für etwaige Identifikation nicht unerwähnt „an der linken Seite der Nase und auf der rechten Seite der Oberlefze ein Malzeichen“. Auch die seltsam geschwungene linke Seite des Reisedokuments hat ihren tiefen Sinn: Der Wellenschnitt durch die zuständige Gebietskörperschaft, nach Napoleons Abzug jetzt das „Bergische Generalgouvernement“ ist Vorsorge gegen Missbrauch bzw. Fälschung: Ein Teil der Urkunde bleibt im Amt vor Ort und im Zweifelsfall könnte später geprüft werden, ob der dem Reisenden ausgehändigte Part und der zurückbehaltene Teil wieder wie Schloss und Schlüssel zusammengefügt werden könnten.

Der Aussteller: Jacob Salentin von Zuccalmaglio, der in Schlebusch für politische Kontinuität sorgte, indem er sowohl in der Franzosenzeit und danach dort Bürgermeister war. Ein solcher Ablauf war auch sonst in Politik und Wirtschaft keineswegs selten. Interessant das private Familienwappen, das Jacob Salentin (wie damals durchaus üblich) neben seinem Signum auf dem amtlichen Dokument anbrachte, dabei insbesondere die birnenartige Frucht, die man in der linken oberen Hälfte des Wappenschildes der Zuccalmaglios findet. Es ist eine Zucca, ein Kürbis und nach einer, wenn auch nicht unbedingt von der Familie geteilten Interpretation deutet dies auf rechte „Dickschädel“ hin. Genau diese hat die Familie aber genügend hervorgebracht: Jacob Salentin hat mit großem Eifer und nachhaltigem Erfolg die „Musicalische Academie von 1812 zu Burscheid“ gegründet; seine Söhne Vinzenz Jacob von Zuccalmaglio genannt Montanus und Anton Wilhelm von Zuccalmaglio mit dem Pseudonym Wilhelm von Waldbrühl haben mit großer Zähigkeit den Wiederaufbau des Altenberger Doms gefördert – wo zum Dank in einem Seitenfenster das Familienwappen (mit der harten Birne) zu bewundern ist; vielleicht finden Sie es bei Ihrem nächsten Besuch!

Zurück zum Reisepass: Tatsächlich wird der Heinrich Erff schon einen triftigen Grund für seine Reise gehabt haben – ohne Not hätte er sich den besonderen Risiken dieser Phase wohl kaum ausgesetzt: Unter den zurückflutenden Soldaten des desaströs fehlgeschlagenen Russlandsfeldzugs hatten Krankheiten wie das Fleckfieber grassiert und speziell die Hauptreiserouten der wenigen überlebenden, traurigen Gestalten waren zeitweise von Seuchen massiv heimgesucht – wie auch Mainz, das der französischen Armee als linksrheinischer Brückenkopf diente. Nun, der Heinrich wird wohlbehalten wieder heimgekehrt sein, sonst gäbe es dieses schöne Zeitzeugnis nicht mehr.

Ein wenig Burscheider Heimatgeschichte zeigt auch der Weg, den der Pass in neuerer Zeit genommen hat. Dies ist auf einem gesonderten Blatt festgehalten:

„Erf 20/7. 1942“

„Reisepaß des Heinrich Erff zu Dierath
mit der Unterschrift des Begründers der Burscheider Musik:
von Zuccalmaglio
Herrn Stadtinspektor Hoffmann
für manchen freudigen
Konzertgenuss
Ernst Maibüchen“

„Diese Widmung gebe ich weiter an Herrn Lothar Lukas
in Burscheid, der mir wiederholt Hilfe leistete.
Burscheid am 14. Januar 1965
Willi Hoffmann“

Und Herr Lothar Lukas, das war der Schwiegervater des Schreibers dieser Zeilen ;-)

 

Stand: 3.5.2021 / Vo

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